alexander jaquemet
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Schläft ein Bild in allen Dingen

Zu den Fotografien von Alexander Jaquemet

Dinge und Situationen müssen den Fotografen Alexander Jaquemet vermutlich auf besondere Weise anschauen. Sie haben meist die Augen leicht geschlossen, rufen dabei nicht: Schau, so bin ich! Wagen gar einen beinahe verschleierten, manchmal sogar unklaren Blick. Den erwidert der Fotograf mit seinem klaren Blick für Zustände, die im Übergang sind, nie eindeutig, nie laut, ja auch solche, die sich gleich wieder zu entziehen drohen. Wenn der deutsche Romantiker Joseph von Eichendorff in einem seiner Gedichte schrieb, dass in allen Dingen ein Lied schlafe, dann gilt bei Jaquemet – obwohl er sehr konzeptionell vorgeht und die Dinge nicht verklärt –, dann gilt bei ihm die Beobachtung, dass in allen Dingen, auch den Unscheinbarsten, ein Bild verborgen ist. Die Voraussetzung dafür ist die Ausdauer des Fotografen, der sich beobachtend Zeit nimmt, in der Landschaft herumzugehen, sich bei Menschen aufzuhalten, ohne gleich ein Bild erzwingen zu wollen. Jaquemets Fotografie hat so etwas mit Langsamkeit zu tun – und eben mit dem wachen Blick, den ein aufmerksamer Flaneur hat, der auch dem Beiläufigen Aufmerksamkeit schenkt.
Dieser Vergleich mit dem Flaneur mag für die urbanen und suburbanen Situationen gelten, so etwa in der Serie „Eigenheim“; meistens aber ist Jaquemet der Förster oder der Winzer, dessen Blick umherschweifend ist und zugleich auf Details achtet – vielleicht fast unbewusst, jedoch geschult durch Erfahrung. Dann aber, wenn das Bild sich entdeckt hat, schlägt die Langsamkeit um in das Packen des entscheidenden Moments.

Wichtig für die Atmosphäre dieser Fotografien ist das Licht, also jenes Elixier, das die Fotografie seit Beginn zu ihrem Instrument machte: als Lichtzeichnung. Nur setzt Jaquemet das Licht auf seine eigene Weise ein, indem er das Licht mit dem Nicht-Licht verbindet; die Dinge sich langsam entwickeln lässt, als ob die Wirklichkeit selbst schon zur Fotografie drängen würde. Seine Sicht auf die Dinge lässt dem subjektiven Moment – jenem des Jetzt, da der Fotograf den Auslöser drückt – ebenso Raum wie der Objektivität der Lichtverhältnisse.
Das Licht geht beispielsweise von der Dämmerung in die Dunkelheit über, im Zwielicht blitzen sanft Blätter auf und sind bereits wieder verdunkelt, Nebel wallt langsam über den Berggipfel, die Welt versinkt gewissermassen in sich selbst, beginnt, wieder die Augen zu schliessen. Und hat eben in dieser Art eine spezielle Präsenz. Modellhaft stehen für diese Sicht auf die Welt die Serien „L’heure bleue“ und „Nuits blanches“. Hier ist der Übergang von Zuständen das Hauptmotiv, bis hin zum Nicht-mehr- oder vielleicht genauer: zum Kaum-mehr-Sichtbaren.
Das hat häufig etwas Melancholisches, ein Zug, der in der Serie „Rabenland“ der Landschaft bereits eingeschrieben ist. Auch wenn die Zeit angehalten ist – sie vergeht und nimmt die Dinge in sich zurück, zieht sie mit sich weg; und jetzt ist sie bereits vergangen. Derart pointiert der Fotograf eine Quintessenz jeder Fotografie – das Stilllegen des Augenblicks – auf eine besondere, man könnte sagen: bescheidene und still beobachtende Weise.

Entsprechend sind es nicht die grossen, bedeutenden Dinge, die der Fotograf fixiert, eher sind es auch da geradezu beiläufige Realitäten, von anderen unbeachtete, unspektakuläre, ephemere. Das gilt auch dann, wenn Jaquemet Menschen porträtiert: nahe und doch unaufdringlich.
Aber eben das macht die Intensität seiner Aufnahmen aus.
Und eben das ist ihre Qualität: Jaquemet schaut wie ein Dokumentarfotograf und macht dann mit einer ästhetischen Sicherheit Bilder, die in Komposition, Licht- und Schattenspiel und, wenn die Farbe im Spiel ist, in den Nuancen der Tönungen mehr als Abbildungen: eben Bilder, die an sich und in sich kunstvoll sind – ohne dass der Fotograf sich das Etikett der Kunstfotografie anheften würde. Denn wenn die Fotografie als Fotografie eine Kunst ist, dann eben auch im Medium der digitalen Fotografie als bewusste Lichtzeichnung.

Konrad Tobler

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